Nirgends ist die Erde so kuschelig. Weil der Tod ein Wiener ist

Als mich vor einigen Wochen ein Flug aus Dublin zurück in die Heimat brachte, saß ich in einer Dreier-Reihe neben zwei irischen Männern. Nicht mehr ganz jugendlich, aber sehr „fresh“, hatten wir noch bevor das Flugzeug abhob, ein launiges Gespräch über das Fliegen. Denn der eine, so sagte mir der andere, sei noch nie geflogen. Es sei sein erstes Mal heute und er hätte schon ein bisschen Angst, würde es aber nicht zeigen. Der andere kicherte daraufhin etwas nervös vor sich hin.

Und manchmal, da gibt es Situationen, da verliere ich in gewisser Weise die Kontrolle über mein Sprechen. Da ist mein Mundwerk plötzlich recht schnell und lose. Es überholt dann das Nachdenken darüber, ob das, was ich zu sagen habe für diese Situation auch angemessen ist. Ganz nach dem Motto: Was raus muss, muss raus.

Und ich meinte zu besagtem Herrn: „Ach, da sitzen sie in der richtigen Maschine, von dieser Fluglinie ist vor Jahren schon mal eine abgestürzt (Anmerkung: Wir saßen in einem Flieger der Lauda-Air).“ Was ich eigentlich sagen wollte war, dass er sich keine Sorgen machen müsse, ist es doch absolut unwahrscheinlichst, dass ein Flugzeug derselben Linie sich nochmals ungewollt dem Boden nähert.

Doch der Arme schaute ein bisschen verstört. Der zweite Anlauf, ihm meinen Zugang zu schildern, trug dann keine reichen Früchte und mir tat es unendlich leid. Der tapfere Ire dürfte mir aber nicht allzu böse gewesen sein, ergab sich doch auch beim Aussteigen nochmal ein nettes Schwätzchen. Diesmal ersparte ich mir und vor allem ihm, den Tod in die Mitte des Gesprächs zu zerren.

Vom “Ginkal” wie er leibt und lebt

Obwohl das fast wider meine Natur ist, hab ich doch den „Ginkal“, wie er in Wien auch genannt wird irgendwie immer an meiner Seite. Das ist auch ein wichtiges Erkennungszeichen des Wienerischen: Es klammert den Tod nicht aus. Nein. Im Gegenteil. In Wien ist der Tod dein Hawara (bester Freund), mit dem man ein Achterl trinken geht. Der ständige Schatten, von dem man weiß, dass er einem nur unnötig Angst macht, wenn man ihn ignoriert. Weil er halt auch gesehen werden will. Seinen Platz beansprucht. Und darum: Rein mit ihm, ins Leben.

Dass er mitten unter den Menschen lebt, zeigt in Wien auch die Sprache. Die Inuit mögen 50 Worte für Schnee haben, Wien hat 50 fürs Sterben. Nirgends liegst du so gut. Nirgends ist die Erde so kuschelig.

Du kannst dir „den Holzpyjama anziehen“, „die Bock (Schuhe) aufstellen“, „den Löffel abgeben“, „die Patschn strecken“ oder auch „beuteln“, „abkratzen“, „die Erdäpfel von unten anschauen“, „ein Bankerl reißen“ oder „krepieren“, um nur ein paar zu nennen.

Gestatten - Tod, auch genannt “Quiqui”

Der Tod selbst heißt hier „Quiqui“ (ausgesprochen Gwigwi). Im Zuge des Schreibens dieses Artikels hat mich die Neugier gepackt, worauf dieses Wörtchen zurück geht. Vieles konnte ich nicht heraus finden, aber es könnte sein, dass es wie viele Teile des Wienerischen, dem Rotwelschen (der Sprache der Gauner) entstammt. In diesem Fall wäre es eine Verdopplung des Wortes „Qui“, das wortgeschichtlich vom französischen Hund „chien“ abgeleitet wird. Zu jener Zeit wahrscheinlich nicht unbedingt das Schoßhündchen, sondern eher der heimatlose, sich herumtreibende Straßenköter.

Es könnte auch sein, dass das Wort dem Romanischen entstammt, konkreter dem Fragewort „quisquis“ (was sinngemäß soviel bedeutet wie „wer auch immer“), das im lateinischen in der Anredeform zu „quiqui“ wird und mit „Wer auch immer du bist!“ die Unsicherheit über die Identität des Todes zum Ausdruck bringt.

Eines wird in Wien deutlich: Indem man dem Tod einen Platz im Leben gibt, wird er weniger bedrohlich. Es ist eine ganz eigene Art der Sublimierung. Statt die Angst vor dem Tod zu unterdrücken, wird er voll gesellschaftsfähig mitten ins Leben geholt. Eine gefinkelte Bewältigungsstrategie gemäß der Logik: „Du bist einer von uns, deshalb tust du uns auch nichts.“

Dem Tod wird mit einem Augenzwinkern und humorigen Wort die Sense aus der Hand genommen und mit ihm ein Schluckerl trinken gegangen. Natürlich geht das Achterl aufs Haus, wenn Quiqui will, kann er auch gerne mehr trinken, vielleicht kommt er ja dann morgen zu spät zur Arbeit. So oder so ähnlich scheint das in Wien zu funktionieren. Dem Furchtsamen das Furchteinflößende nehmen, indem man Freunde wird.

Und das ist gar nicht so deppert, also spirituell gesehen, sagt uns doch auch Tantra, dass egal wie viel wir praktizieren, egal wie viel wir weiterbringen in der Aufarbeitung unserer Schatten und im Verkörpern des „Einen“: Es wird immer wieder Momente geben, wo der Gevatter auftaucht und uns der Fakt des eigenen Todes einfährt wie der Blitz. Das sind Momente, die sind wir nicht im Stande weich zu betten. Die knallen ordentlich. Aber es macht einen riesigen Unterschied, ob wir diese verdrängen, oder ins Bewusstsein lassen. Darüber sprechen. Und „ihn“ dadurch zum Teil der Realität machen.

Die Angst vor dem Tod ist der Grund, warum wir nie wirklich leben. Es ist wie der Urknall, aus dem einst Milliarden andere Klänge und damit unterschiedlichste Formen entstanden sind. So zersplittert auch die Angst vor dem Tod in Milliarden kleine Ängste, die unser Lebendigsein vergiften, wenn wir die Wurzel nicht beim Schopfe packen.

Und das bedeutet: Der Tod braucht seinen Platz im Leben. Wenn wir ihm den nicht geben, fordert er ihn ein. Und das wiederum bedeutet, wir leiden, weil wir uns heimlich fürchten.

Die tantrische Tradition hat mich immer angezogen, weil in ihr alles mit dem Tod beginnt, nicht mit der Geburt. In Anerkennung dessen, dass das Nichts auf dem Thron sitzt. Im Stephansdom findet sich neben einem Altar die Inschrift: „Optima philosophia et sapientia est meditatio mortis“. Übersetzt: Es ist die höchste Philosophie und Weisheit, sich den Tod vor Augen zu halten. Tantrischer gehts kaum.

Man könnte eine Formel aufstellen, die besagt: Wir können die Schönheit und Freude dieser Welt in gleichem Maße erfahren, wie wir die Realität des Todes und des Endes in unser Leben lassen.

In Wien kannst du das lernen. Zum Beispiel kann man sich im Museumsshop des Wiener Bestattungsmuseums Bohrmehl im Glas kaufen, das von einem Sarg stammt, den Rüsselkäfer unter der Michaelerkirche zerfressen haben. Besagtes Museum vercheckt übrigens auch Eiskratzer mit dem Spruch „Mit uns kratzen sie besser ab“.

Wenn man den Tod lustig findet, kann es nicht so schlimm sein. Wenn man mit ihm lachen kann, dann wird es hoffentlich nicht weh tun. Wenn dann der Moment gekommen ist, wo wir dem, der den 71er bestellt, selbst begegnen. Das ist eine weitere Bezeichnung fürs Sterben in Wien. Der 71er ist die Straßenbahnlinie, die zum Zentralfriedhof führt. Es ist übrigens die Endstation.

Endstation.
Logisch.
Was auch sonst?

Als hätte Quiqui selbst den Fahrplan geschrieben.
In dieser Stadt
ist nicht mal am Ende
Schluss mit lustig.

Mit Bussi
und Baba.
Und Habediehre.

Weil es so schön war
hier zu sein.


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Nimm dir Papier und Stift und lass dich überraschen. Schreibe den Strom an Bewusstheit ab. Lass es durch dich schreiben. Keine Zensur.

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Schreibkunst in Goldenen Räumen