Schreibkunst in Goldenen Räumen

Wenn ich an den Wiener Salon denke, dann trete ich in Räume. Sie öffnen sich ganz unscheinbar und offenbaren einander, wie als wäre ein Raum im anderen. Einer, der zum anderen führt. So als würden sie ineinander leben, doch sie öffnen sich nur in einer bestimmten Reihenfolge. Nicht beliebig. Sondern durch Erkennen, Eintauchen, Schauen, was es zu finden gibt, Verweilen, mit ihnen Sein. So führt ein Raum zum anderen, ein Text zum anderen. Jeder Raum steht für sich, kann alleine ganz sein doch nur zusammen ergeben sie den Salon. Als Eines. 


Man kann im Salon nichts überspringen. 
So wie auch im Leben nicht. 


Ein Trugschluss der spirituellen Praxis liegt darin verborgen, dass man irgendetwas überspringen könnte. Das es ein Ziel zu erreichen gebe, gekrönt mit dem Satz: Wenn ich dieses oder jenes erst gemacht habe, dann……! Doch das Ding ist, dieses dann kommt selten, und selten kommt es so, wie der Kopf es sich erdacht hat.

Alles hat seine Zeit, bis es zur Reife kommt. Und man kann Reife nicht beschleunigen. Und wenn ich eines in Bezug auf meine spirituelle Praxis gelernt habe, dann ist es: Ein Raum führt mich zum nächsten. Und es gibt kein Ziel. In dem ewigen Bestreben über sich selbst hinauszuwachsen, um etwas zu werden. Irgendwo in der Zukunft in einer optimierten Version von dir. Das Gold am Ende des Flusses suchend, hastend und schnaufend auf dem Weg dorthin, um dann irgendwo anzukommen, in irgendeiner Zukunft, die jetzt nicht ist. Und wo wir, wenn wir nicht die Fähigkeit haben, in Präsenz einzutauchen schnell am Leben vorbeilaufen, anstatt voll darin einzutauchen. 

Im Wiener Salon kann ich nur sitzen und schreiben, wenn es um nichts geht. Außer ums Schreiben. Und Sitzen. In der Präsenz. Es ist zu einer spirituellen Praxis geworden. Das Schreiben im Salon. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Projekten, die ich in meinem Leben schon gemacht habe, verspricht mir der Salon nichts. Kein Ziel. Keine Krönung. Kein Etwas erreichen müssen. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, wie dieses Projekt entstanden ist. Es war plötzlich da. Ganz unspektakulär. Hat es sich aus drei Gesprächen zwischen Danja und mir entwickelt. Und auch immer wieder verändert - was für unseren Verstand manchmal schwer zu fassen war/ ist. 


Für den Wiener Salon zu schreiben, fordert eine ganz neue Herangehensweise an Schöpfung und Kreativität von mir. Denn in den letzten zehn Jahren meiner Selbstständigkeit war meine Kreativität an ein manifestiertes Endprodukt gebunden. So nach dem Motto: ich will, ich weiß, ich tue. Die primären Kräfte der Schöpfung aus tantrischer Perspektive. Ich will etwas. Ich weiß, wieso ich es will. Und was es braucht, damit ich es tue. 


Doch was passiert, wenn das Ich in diesem Prozess der Schöpfung keine Rolle mehr spielt. Was ist, wenn nicht Ich es bin, die will, weiß und tut? Oder vielleicht nur ein kleiner Teil von Ich, während der Rest im Unbekannten, im Verborgenen, Göttlichen bleibt. Was ist, wenn Kreativität niemals aus dem kleinen Ich bin Ich kommt, sondern immer nur eine Kraft von göttlichem Impuls ist? Und was ist, wenn wir vesuchen diesen Prozess so wenig wie möglich zu beeinflussen und sehr offen und frei in Bezug auf seinen Handlungsspielraum und seinen Ausdruck bleiben. Was ist, wenn nicht Ich das Leben schöpfe, sondern zulasse, dass es durch mich geschöpft wird? 

Es ist herausfordernd für den Salon zu schreiben. 
Es fordert absolute Präsenz von mir.
Oft weiß ich gar nicht, wie und wohin sich die Texte entwickeln möchten.
Die Ideen dafür kommen meistens Out of the Blue. Dann setze ich mich hin, beginne zu schreiben und weiß gar nicht, wo ich enden mag. Also nicht Ich, sondern der Text. Und dann schreibe ich, schreibe ich, schreibe ich.
Und irgendwann kommt das Gefühl, dass der Text sein Ende gefunden hat. 
Und dann ist er auch. Zu Ende.


Das Schreiben in goldenen Räumen ist eine Praxis der Präsenz.
Wille. Wissen. Handlung.
Das immer wieder zurückkommen zu der Frage, was will der Salon?
Und dieses göttliche Wollen, dann in weise Handlung umzusetzen.
Von oben nach unten.
Durch mich als Mensch.  

That’s it. So einfach. Und doch. Für mich. Eines der schwierigsten Projekte, die mein kleines Ich jemals umgesetzt hat. Weil es von mir volle Präsenz fordert - und vielleicht ist es deswegen so golden, und kraftvoll. Denn wenn Wille in vollem Bewusstsein und ich absoluter Kraft vollzogen wird, dann ja dann, kann sich Gold manifestieren. Es gibt nichts Kraftvolleres als hier zu sein. In all deiner Kraft. Und dieses Leben ganz zu bewohnen. Aus dem Kopf. In den Körper. Jetzt.

Herzlich willkommen im Wiener Salon. 


Impulsübung für Präsenz: Komme mit ein paar Atemzügen entspannt in deinem Körper an. Du kannst dabei deine Augen offen oder geschloßen halten. Spüre, wie dein Körper von der Erde unter dir getragen wird. Spüre, wie du dich in den Raum hinter dir zurücklehnen kannst. Dann komme mit deiner Aufmerksamkeit zu deinen Sinnensorganen. Was siehst du? Beschreibe es in Worten und drück es aus. Was hörst du? Beschreibe es in Worten und drück es aus. Was riechst du? Beschreibe es in Worten und drück es aus. Was fühlst du auf deiner Haut? Beschreibe es in Worten und drück es aus.

Zweiter Impuls: Schreibe aus dieser Präsenz einen Text.

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