Vintage Liebe oder an zwei Orten gleichzeitig sein
Ich liebe die 30er. Ich meine so richtig. Ich liebe sie.
Die Musik, den Style, den Lifestyle. Das Frauenbild. Die Cocktails. Die Ästhetik. Das Lebensgefühl. Die Männer.
Es ist, als würde ein Teil von mir noch immer in dieser Zeit leben.
Man sagt, dass manchmal Seelenanteile in früheren Leben verloren gehen.
Und manchmal sagt man auch, dass wir gleichzeitig in vielen Zeiten existieren - Multiversionen von Seele. Hier und dort, an mehreren Orten gleichzeitig.
Früher hatte ich eine richtige Vintage Nostalgie.
Ich sehnte mich nach einem spezifisch archetypischen Seelenbild, das in der Frau der 30er Jahre alle Gefühle fand, die ich verkörpern wollte. Es ist edel, lasziv, sophisticated, intellektuell, erotisch, glamourös, entspannt, in einem Vertrauen gebettet, dass das Leben gut ist, egal, was passiert. Sie ist stark diese Frau, sehr sogar. Und sie jammert auch nicht, weil im Leben ist es einfach so, dass es ist, was es ist. Punkt.
Historisch betrachtet waren die 30er in Europa eine äußerst schwierige Zeit. Zwischen zwei Weltkriegen, ein Umbruch, ein Übergang. Die Nationalsozialisten unter der Führung Adolf Hitlers übernehmen das Ruder der Macht, die erste Kernspaltung gelingt, eine immense Weltwirtschaftskrise spaltet gleichzeitig die Menschen und schürt Angst und Hoffnungslosigkeit. Es ist die Zeit des florierenden organisierten Verbrechens und der großen Mafiabosse in den USA. Die Prohibition führt dazu, dass viele Feste im Untergrund gefeiert werden, während Marlene Dietrich gegen die Nazis singt. Und Coco Chanel revolutioniert mit gewagten Schnitten die Mode. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland erreicht die Dimension von 5 Millionen Menschen, während in Hollywood die Zeit der großen Diven und unbefleckten Helden geboren wird.
Die goldene Ära der 20er war zu Ende, und die Menschheit trat wieder einmal in eine schwierige Phase der Bewusstseins - Entwicklung ein. Wie so oft, same same, but different.
Doch, das was die Erinnerung an diese Zeit in mir wachruft, ist trotz der Widerstände, die Freude am Leben nicht zu verlieren. Darin liegt eine große Resilienz und Selbstermächtigung. Denn, was bleibt uns anderes übrig, als weiterzugehen? Wir sind hier. Jetzt. Und das ist das einzig Wichtige. Wir haben uns entschieden, jetzt hier zu sein. Und niemand hat uns jemals versprochen, dass es leicht sein würde.
In Zeiten des Umbruchs, wo alles im Außen zerfällt, bedrohlich wirkt und es keine hoffnungsvollen Zukunftsperspektiven mehr gibt, rückt die Kunst als heilende Brücke in das Feld des Bewusstseins. So als hätte sie die Aufgabe, Trost zu spenden, Kraft zu geben und uns ganz und gar zurück zu uns und dem, was es bedeutet Mensch zu sein, zu tragen. Die 30er Jahre florieren künstlerisch in einer Art, die einzigartig in der Ewigkeit bleiben wird. Musik, Mode, Literatur, Malerei. Art déco, Salvador Dali, Bauhaus, Fotografie, Jazz, Schlager, Chansons, der Swing, Billie Holiday, Schönberg und die Zwölftonmusik, die Rückkehr der weiblichen Silhouette in der Mode, Hemdblusenkleider, Strickjacken, Marlenehosen und Abendkleider in Pailetten, Strass, Perlen und schimmernden Stoffen.
Es ist das Geheimnis des Lebens, dass wir in Zeiten von Krise äußerst kreativ auf das zurückgeworfen werden, worum es eigentlich geht. Nämlich trotz widriger Umstände im Außen, unseren Platz einzunehmen und jene Werte in Form von künstlerischem Ausdruck in die Welt zu legen, die wir verkörpern wollen. Es geht niemals darum, die Welt im Außen zu verändern, weil wir dagegen sind. Sondern immer nur darum, das zu säen, wofür wir stehen. Ein dafür. Nicht dagegen. Denn das Dagegen hat selten etwas gebracht.
Es ist erstaunlich wie sehr die 30er Jahre trotz ihrer politischen und wirtschaftlichen Hässlichkeit, aufgrund und gerade wegen ihrer künstlerischen Schönheit die Zeit überdauert haben.
Diese Epoche geht als glamouröse Ära in mich ein. Als eine Zeit, die klar vor Augen führt, wer man sein will. Und, dass es im Leben nicht immer darum geht, dass alles gemütlich, sicher und heil im Außen ist, sondern mehr darum, wie sehr wir trotz Krisen in die Selbstwirksamkeit wachsen und jene Seelenkraft verkörpern mit der wir gekommen sind. Um jene Gaben in die Welt zu legen, die wir an Bord haben.
Mir wird durch das Schreiben bewusst, wieso ich die 30er Jahre so liebe.
Ich glaube, sie erinnern mich an die Kraft meiner AhnInnen. Und dadurch auch an eine Kraft, die in mir liegt. Selten bringen uns die guten Zeiten in der Geschichte in unser Potential, es sind immer die schwierigen, die uns kathartisch an das heranführen, was wir sind. Wirklich. So tief drinnen. Ein Juwel wird bekanntlich unter großem Druck geschliffen. Die Kunst und der künstlerische Ausdruck können uns dabei unterstützen, den sich schleifenden Diamanten scheinen zu lassen.
Kunst ist daher nicht nur die Antwort auf gesellschaftliche Umbrüche.
Sondern ihr Gold.
Ihre treibende Kraft.
Der Ausdruck davon, wer wir als Menschen sind.
Wie sehr wir im ewigen menschlichen Ringen versuchen, die Dualität des Lebens als Einheit zu erfahren.
Sie ist Trost in dunklen Zeiten.
Inspiration weiterzugehen.
Erinnerung an Essenz.
Ich kann an zwei Orten gleichzeitig sein. Hier und dort. Dort bin ich eine Frau, die trotz der großen Depression der 30er Jahre, niemals den Glauben an die Schönheit und die Freude des Lebens verloren hat. Und diese Erinnerung, die Energie, dieses Lebensgefühl lade ich ins Hier ein. Hier in dieses Leben, als Nives. Und manchmal, wenn mir die derzeitige Multikrise der Menschheit zu viel wird, dann höre ich Marlene Dietrich, zieh mir mein 30er Jahre Kleid an, mische mir einen Gin Tonic und genieße das Leben. Trotz Krise. Kann es schön sein. Weil wir aus der Geschichte wissen, dass es immer weitergeht. Mit den Menschen. Wir wissen zwar nicht immer wohin. Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig.
Die Kunst bleibt.
Als Kraft, die uns den Weg bereitet.
Und irgendwann in der Zukunft wird auch diese unsere Zeit.
Als große Zeit der Kunst in die Geschichtsbücher eingehen.
Kannst du dort sein, weil du jetzt hier bist?
Und es fühlen?
Zwischen allen Zeiten aufgespannt.
Bist du immer Essenz.
Von dem, was du immer schon warst. Und immer sein wirst.
Nimm deinen Platz voll ein.
Und leg deine Gaben in die Welt.
Sie werden Geschichte schreiben.