Am Altar der Narbe
Lieber Gott, wie werde ich meine Narben der Vergangenheit los?
Mein Kind, ich danke dir für die Frage. Es ist eine großartige Frage.
Die Narbe ist eingenarbt. Sie ist da. Du musst sie nicht verstecken und auch nicht loswerden. Du darfst sie spüren. Du kannst sie wie einen Altar betrachten, auf den du Blumen legst, Weihrauch entzündest oder eine Kerze.
Ich bin bei dir, wenn du das tust.
Und wenn du meine Anwesenheit spürst, dann ist die Narbe nichts, was weg muss. Merkst du das, mein Kind? Dein Leben ist gelebt bis zu diesem Moment. Die Vergangenheit ist nichts was du auslöschen musst. Los werden ist nicht angebracht. Losen schon mehr - ein Hinhören mit einem Ohr, das die Tiefe findet. Denn es geht nicht um die äußere Form und die Geschichte der Narbe, sondern wie sie dich als Mensch geprägt hat. Und jetzt denkst du dir vielleicht: “Aber sie hat mich doch zu einem ängstlicheren Menschen gemacht. Durch sie habe ich den Beweis, wie schlecht die Welt und die Menschen sind. Dass es Gott und das Leben nicht gut meinen mit mir.”
Ja, das sagt man mir immer wieder nach. Dass ich Menschen bestrafe. Dass es mich nicht gibt. Dass wenn es mich geben würde, ich dafür sorgen würde, dass niemand mehr verletzt wird. Ich weiß, das scheint nahe zu liegen. Doch ich bin die Liebe. Und vielleicht fällt dir das im ersten Augenblick schwer zu verstehen, aber Verletzungen gehören zur Liebe. Sie sind nicht zur Gänze verhinderbar. Sie zeigen dir, wo du noch schläfst. Wo du dich und mich verlässt.
Narben sind der Beweis, dass du lebst und sie müssen nicht weg. Wenn du magst, dann nehm ich dich an der Hand und zeige dir den großen Schatz, der auf dich wartet, wenn du mit dem großen Ohr lost: Der Schatz ist deine Liebe. Liebe als Kraft, mit dem umzugehen, was schief gelaufen ist. Was den von dir so minutiös geplanten geraden Weg einfach gekippt hat. Einfach so. Was sich das Leben manchmal anmaßt. Schief ist eine Erinnerung, dass dein Gerade dich nicht dorthin führt, wo deine Seele hinmag.
Und Narben der Vergangenheit sind das Geschenk, in denen du jetzt die Kraft findest, um mit schief mitzugehen. Weißt du, ich bin oft der Schiefe. Du siehst mich nur nicht. Du vertraust mir nicht. Ich weiß, schief macht dir Angst, aber du kannst deine Hände entspannen. Die Zügel weg legen. Mein Kind, du kannst dieses Leben nicht steuern. Ich mache das für dich. Deine Aufgabe ist es weich zu sein und zu atmen.
Also lass uns gemeinsam gehen.
Gehe zu deinen Narben und mach sie zu leuchtenden Altären in deinem Körper. Hör auf, dich hinter ihnen zu verstecken. Sie durch deine Abwehr und Ignoranz zu bestrafen. Du bestrafst dich dadurch immer wieder selbst. Hör auf, ihnen die Schuld zu geben. Das alles ist bloß ein Geplänkel, damit du nicht tiefer ins Herz gehen musst. Damit deine Liebe nicht mehr werden muss. Weil dann müsste dein Ego weniger werden.
Das Ego ist die größte Narbe, sie wehrt sich am heftigsten.
Aber auch sie kann zum Altar werden, wenn du mich eintreten lässt.
Manchmal erinnern dich Menschen an deine Narben und du bekommst Angst, dass dir wieder etwas Ähnliches passieren könnte. Vertraue liebes Kind. Du bist nicht der Mensch von damals. Du hast so viel gelernt. Du musst dich nicht verausgaben in dem Versuch, das Leben draußen zu halten. Gefinkelt an ihm vorbei zu gehen. Ich sage dir: Du hast die Kraft, mit dem was kommt umzugehen. Und diese Kraft kommt aus deinen Narben. Sie haben deinen Blick für das Wesentliche geschärft. Und in dieser Schärfe deine Fähigkeit zu lieben quadriert.
Dort wo etwas fehlt, hat der Körper Ersatzgewebe produziert. Das wirkt manchmal wie tot. Manchmal magst du dort nicht hinschauen, weil es dich daran erinnert, was passiert ist. Du verwehrst dich des Stücks deines Körpers. Nicht sehen, nicht berühren, kein Kontakt.
Lass diese Abspaltung nicht länger zu.
Vergib dir selbst.
Sieh dich zu diesem Zeitpunkt.
Du wusstest es nicht besser.
Der andere Mensch wusste es nicht besser.
Hinter den Schleiern der Unbewusstheit.
Nicht wissend wie das gehen soll.
Diese Liebe.
Stell ein Licht auf den Altar deiner Narbe.
Lass das Lebenskraft und den Atem dorthin fließen.
Und lass das “aber” sein.
Das “aber” ist die Narbe des Egos.
Ich bin da.
Mit dir.
Das spürst du.
Wenn du es zulässt.
In mir löst sich das “aber” auf.
Ich kann dir nicht versprechen, dass du nie wieder verletzt werden wirst. So wie ich dir viele andere Wünsche nicht erfüllen kann. Weil sie aus der Angst kommen. In diesem Fall ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass du nochmal durch eine Situation gehen wirst, die du unbedingt vermeiden möchtest.
Weil du mich darum bittest, ohne dass du es merkst. Ich bin dafür zuständig, Angst in Liebe zu verwandeln. Du bittest darum, diese Erfahrung nochmals machen zu dürfen, um die Narbe zu entnarben. Du heilst Narben nicht, indem du dich zu Tode schonst und dem Leben ausweichst. Sie heilen, wenn du dich ins Leben wirfst.
Und deine größte Narbe, dein Ego löst sich in mir auf.
Hat dir das geholfen mein Kind?
”Ja, das hat es. Mit dir zu sprechen ist das Wichtigste für mich.
Und ich danke dir, dass du immer für mich da bist, wenn ich mich dir zuwende.”