Hauptgewinn verlorene Möglichkeit

Heute Morgen hatte ich gleichzeitig zwei Ideen fürs Schreiben. Und jetzt sitze ich hier, habe mich der einen gewidmet und die andere ist mir durch die Finger gerutscht. Manchmal gelingt es mir, mehrere Ideen, die zeitgleich durchkommen so weit zu skizzieren, dass ich mich danach erinnere, was da in mir war. Wobei ich mich manchmal frage, ob das Sinn macht.

Die aufgeschriebenen Worte helfen mir zwar, die ursprüngliche Idee wieder aufzugreifen und wenn alles gut läuft, werde ich dadurch an den Fluss angebunden, der mir bekannt vorkommt von der Original-Begegnung. Aber ich werde wohl nie herausfinden, ob das dem ursprünglichen Funken nahe kommt und wohin er mich geführt hätte, wenn ich ihm gefolgt wäre. Dass dieser Moment nun dasselbe durch mich kreiert, wie der andere es getan hätte, davon gehe ich ehrlich gesagt nicht aus.

Deshalb habe ich mich damit abgefunden, dass ich in meinem Schreiben, aber auch in allen anderen Lebensbereichen, auf eine gewisse Art und Weise ständig Kreation „verliere“, weil ich gerade in einer anderen bin. Ich übe, mich ohne Zurückhaltung ganz von dieser zersetzen und aufbrauchen zu lassen, ohne Wehmut für die andere.

Jede Entscheidung bedeutet, dass ich mit meinem Ja, Nein zu etwas anderem sage. Bewusstsein schenkt mir das Vertrauen, dies immer leichter zu tun und mich in den Möglichkeiten der Entscheidung, die ich getroffen habe, ohne wenn und aber auszuprobieren. Das unumstößliche verankert sein in jenem Feld von Bewusstsein, das ich bin und das wir alle sind, aus dem die Dinge entstehen und in das sie auch wieder vergehen, gibt mir die Kraft dazu. Bewusstsein nimmt mir die Angst, falsche Entscheidungen zu treffen. Und wenn ich aus dieser klaren Weite auf mein Leben zurück schaue, sehe ich mit einem einzigen Blick: Alles ist von größerer Hand orchestriert und geführt.

Für mich ist es viel wichtiger, mich in der von mir gewählten Richtung ganz zu erfahren, als die Sicherheit zu haben, die “richtige” Entscheidung getroffen zu haben. Keine halben Sachen. Nicht zurück schauen und mich fragen, wie wäre es wohl gewesen, wenn ich mich anders entscheiden hätte. Von diesem Gedanken möchte ich mich nicht vergiften lassen. Ich weiß, ich kann mich nicht falsch entscheiden, wenn es nicht um ein Ziel geht, sondern darum mit Haut und Haar das zu leben, wofür wir uns entscheiden. Neugier, Lust und Freude auf dieser nicht planbaren Reise zu kultivieren.

Entscheidungen zu treffen ist wie ein Spiel, in dem ich mich übe. Dessen Spielregeln ich kennen lerne, während ich spiele. Es ist ein sehr sanftes Spiel. Es gibt mir immer wieder die Möglichkeit neu zu entscheiden. Mit jedem Atemzug kann ich mich neu ausrichten. Und das wovor der Geist Angst hat, was seiner Ansicht nach passieren könnte, ist bis jetzt noch nie eingetreten. Selbst harte Landungen waren weiche Landungen, weil ich durch die Entscheidung in meine Selbstwirksamkeit zurück kam. Ich vertraue dem Leben, dass ich nichts verpassen kann. Dass es nicht nur ist, wie es sein sollte. Sondern wie es sein muss. Dass es nicht anders sein könnte. Es ist, weil es ist. Ich bin, weil ich bin.

Gerade in der Kunst klingen manche Dinge als Idee ganz wunderbar und ich bin Feuer und Flamme. Und wenn ich sie dann ausprobiere, geben sie gar nichts her. So genial die Idee in meinem Kopf ausgesehen hat, so stolpernd holpert sie dann ausgesprochen und in Handlung gebracht vor sich hin. Fakt ist, wir müssen uns trauen die Dinge zu erleben. Erst dann offenbart sich ihr ganzer Wirkungsradius. Zeit damit zu vergeuden, darüber nachzudenken, kann uns das ganze Leben davon abhalten, diese direkten Erfahrungen zu machen. Um herauszufinden, ob Vorstellungen in dieser Welt funktionieren, müssen sie geschmeckt, berührt und gehört sein. Ausgeführt werden in ihrem vollsten Ausdruck.

Mir selbst die Erlaubnis zu geben, mich immer wieder überraschen zu lassen, das weitet meine Perspektive. Dafür sind Entscheidungen da. Nicht um das Leben zu kontrollieren.

Shakti ist der ursprünglichste Ausdruck von Kreation. Und sie tut das nicht zu einem bestimmten Zweck. Sie kreiert nicht, um etwas zu bekommen oder zu werden. Sondern weil sie es kann. Punkt. Und jeder von uns kann ihr Körper, Geist und Seele zur Verfügung stellen und mit unserem Fokus ihre Energie in bestimmte Formen lenken, die für uns Sinn machen.

Das heißt nicht automatisch, dass die anderen Formen schlecht wären. Siehe zum Beispiel meine zwei gleichzeitigen Schreiberei-Ideen. Es ist durch das endliche Körper-Geist-Instrument, das wir mit dem Menschsein mit geliefert bekommen, nur einfach so, dass wir bloß eine bestimmte Menge an Energie bewegen und Formen kreieren können. Welche Formen - das bestimmen unsere Entscheidungen. Ob bewusst oder unbewusst. So werden Dinge durch uns manifest.

Ansonsten würde alles im Raum von Potentialität bleiben. Ja, es wäre da. Aber nicht in jener Form, die nur du den Dingen geben kannst. Nicht in der strahlenden Schönheit gebettet, die uns dieser Planet zur Verfügung stellt. Nicht mit unseren Sinnen erfahrbar. Und das wäre mehr als schade. Ich würde sogar sagen, dann würden wir den Sinn unseres Menschseins verpassen.

Und diese Zeiten sind vorbei.
Lieber nehme ich eine falsche Ausfahrt
und tauche ein in Landschaften,
die ich sonst niemals gesehen hätte.

Indem wir die eine Kreation verlieren,
gewinnen wir Lebendigkeit.
Aber dafür müssen wir uns entscheiden.



Danja Lutz

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Nein - Ein Liebesakt

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Am Altar der Narbe