Nein - Ein Liebesakt

Ich fühle deine Worte wie einen Schlag in die Magengrube. Die Emotionen die sich in dir angestaut haben, entladen sich konzentriert in meine Richtung. Bumm. Und ich gehe zu Boden.

Als ich dich kennen gelernt habe, hast du mir erzählt, dass du dir selbst versprochen hast, nie wieder vor schwierigen Situationen weg zu laufen, weil du es an diesem Punkt in vergangenen Beziehungen oft versemmelt und erkannt hast, dass es ein Fehler war, nicht zu bleiben, sondern über alle Berge zu verschwinden.

Deswegen versprichst du mir, dass du in unserer Beziehung nicht weglaufen wirst. Weil das dein neuer Standard von Liebe ist. Irgendetwas zieht sich schon da in mir zusammen. Noch weiß ich nicht warum. Aber das „nie wieder“, das „niemals niemals nie“ lässt kleine Alarmglöckchen in meinem Körper läuten.

Mit den Wochen die vergehen, merke ich: Du hältst Wort. Du läufst nicht weg, wenn es unangenehm wird. Aber du machst das Gegenteil, das genauso viel Potential in sich trägt, Leid zu verursachen: Du stößt weg. Wenn es dir zu viel wird, weil wir zum Beispiel nicht derselben Meinung sind, betätigst du einfach statt des Weglaufpedals das Wegstoßpedal. Manchmal packst du komplett beliebige Themen auf den Tisch, nur um Streit zu provozieren. 

Die Härte der zynischen Überheblichkeit hält dann Einzug. Du stellst Mutmaßungen an, wie ich etwas gemeint hätte. Ich bin plötzlich nicht mehr Danja, sondern Mitglied einer verfeindeten Gruppe. Du stilisierst mich zum Gegner, weil ich dich nicht in deinen Geschichten bestätige. Wirst schneidend und stechend in deinen Worten. Alles sehr subtil und gut getarnt. Von oben herab. Ganz ehrlich: Da wäre mir lieber, du würdest mir ein Schimpfwort um die Ohren knallen. Das würde weniger weh tun.

Mir ist klar, dass dir in solchen Momenten irgendetwas zu viel wird, dass du wahrscheinlich Raum brauchst oder so. Aber warum sagst du es nicht einfach? Wie soll ich riechen können, was für dich wichtig ist?

Einfach nur nicht wegzulaufen ist zu wenig.
Glaubst du ernsthaft, es sei besser zu bleiben und dich wie ein Arschloch aufzuführen? 

Ja ich spüre, dass du in gewisser Weise nicht anders kannst, weil in diesen Momenten ein Schatten über allem hängt. Aber mein Körper macht eine klare Ansage und die ist “Nein”. Wie oft habe ich in der Vergangenheit diesem Nein nicht vertraut? Wie oft habe ich es mit einem Pluster-Aber aus dem Kopf ausgedämpft? Wie oft habe ich „Ich sehe dich und verstehe, warum du dich gerade so verhältst“ verwechselt mit einem „Na dann schaffen wir das auch gemeinsam“. 

Nein. Nur weil ich verstehe, warum du dich gerade wie ein kleiner oder großer Arsch aufführst, heißt das nicht, dass ich zulassen muss, dass ich der Adressat bin. Nur weil ich Kapazitäten hätte, damit umzugehen, heißt das nicht, dass ich es tun sollte.

Die Ansagen unserer Intuition sind vollkommen klar. Sie sind immer unmittelbar und nie auf eine andere Situation kopierbar. So wie dieses “Nein”. Es richtet mich auf. Schließt mein Energiegefäß. Verbindet mich mit meinem Kern. Es liegt jenseits von Emotionen. Da ist kein Groll, keine Ab- oder Aufwertung des Gegenübers. Keine Fluktuation. Da ist Stille. Da ist einfach Klarheit. Und die ist tatsächlich einfach. Deshalb mag ich sie so. Keine Aufregung.

Manchmal musste ich Ideen hinter mir lassen, was ein guter Mensch tut und was nicht. „Nein“ gehörte nicht zu meinem bevorzugten Wort in Beziehungen. Je enger die Beziehung, desto weniger mein “Nein”. Also nur dann, wenn es eigentlich schon zu spät war und ich mich durch das Nichtaussprechen zum richtigen Zeitpunkt, bereits komplett in Rage oder Verzweiflung gestürzt hatte.

“Nein” ist für mich über die Jahre zum Liebesakt geworden, der uns und dem Gegenüber die Möglichkeit gibt, wieder bei uns selbst anzukommen und uns weder in Illusionen, noch in schrägen Abhängigkeiten zu verstricken. 

Du spürst dein Nein. Der Kopf will dir vielleicht 1000 Geschichten einreden, warum du es nicht aussprechen und leben kannst. Uh ja, das sind dann heftige Deals im Inneren. Ich kann nicht, weil… Man spürt die Lüge, die man sich erzählt. Und entweder fühlen wir uns dadurch wie betäubt, weil wir uns von uns selbst trennen oder wir werden zu Suderanten.
 

Nein. Ich mag mich nicht anjammern oder dir die Schuld an etwas geben, weil ich verabsäume, die Verantwortung für mein Erleben zu übernehmen. 

Wenn wir eine starke Überzeugung in uns tragen, was richtig und falsch ist, laufen wir Gefahr von einem falsch ins nächste zu schlittern. Und mit falsch meine ich Verhaltensweisen, die uns selbst und anderen Leid zu fügen.

“Ja” kann Liebe sein.
“Nein” kann Liebe sein.

Nur eines von beiden zu nutzen, wird uns nicht glücklich machen. Genauso wenig, wie die hundertprozentige Überzeugung, dass es richtig ist, nicht wegzugehen.

Denn manchmal ist der einzig richtige Weg zu gehen.
 

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